Als Nelson Mandela am 11. Februar 1990 durch die Tore des Victor-Verster-Gefängnisses schritt, war er ein freier Mann – nach 27 Jahren hinter Gittern. Die Welt hielt den Atem an. Würde dieser Mann, der mehr als ein Vierteljahrhundert seiner Freiheit beraubt wurde, nun auf Rache sinnen? Würde Südafrika im Chaos versinken?
Was folgte, war eine der bemerkenswertesten politischen Transformationen der Geschichte. Anstatt Vergeltung zu suchen, streckte Mandela die Hand zur Versöhnung aus. „Ich habe gegen die weiße Vorherrschaft gekämpft, und ich habe gegen die schwarze Vorherrschaft gekämpft“, erklärte er. „Ich habe das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft hochgehalten, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben.“
Vom privilegierten Königssohn zum Revolutionär
Mandelas Geschichte beginnt in der ländlichen Transkei, wo er 1918 als Sohn eines Thembu-Häuptlings geboren wurde. Seine Kindheit war privilegiert – er besuchte die besten Schulen, die schwarzen Südafrikanern zugänglich waren. Er studierte Jura und gründete mit Oliver Tambo die erste schwarze Anwaltskanzlei des Landes.
Doch das Apartheid-System, das 1948 formalisiert wurde, machte die Diskriminierung zur Staatsdoktrin. Wie konnte man als Anwalt für Gerechtigkeit eintreten in einem System, das Ungerechtigkeit gesetzlich verankert hatte? Mandela schloss sich dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) an und wurde schnell zu einem seiner Anführer. Als friedliche Proteste mit Gewalt beantwortet wurden, half er bei der Gründung des militärischen Flügels des ANC, Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation).
Der lange Weg durch die Dunkelheit
1964 wurde Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt. Was folgte, waren 27 Jahre in Gefangenschaft – 18 davon auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island. In einer Zelle von nur 2,4 x 2,1 Metern schlief er auf einer Strohmatte. Bei Zwangsarbeit im Kalksteinbruch wurde seine Sehkraft durch das blendende Licht geschädigt.
Doch selbst im Gefängnis blieb Mandela ein Anführer. Er organisierte eine „Universität“ für Mitgefangene, führte philosophische Debatten und lernte Afrikaans, die Sprache seiner Wärter. „Bildung ist die mächtigste Waffe, um die Welt zu verändern“, sagte er später.
Während Mandela physisch isoliert war, wuchs sein symbolischer Status. „Free Mandela“ wurde zum Schlachtruf einer weltweiten Bewegung gegen die Apartheid. Seine Weigerung, seine Freiheit gegen ein Aufgeben seiner Prinzipien einzutauschen, machte ihn zur moralischen Ikone.
Die unerwartete Wendung: Vom Gefangenen zum Präsidenten
Als Mandela 1990 freigelassen wurde, betrat er eine Welt, die er seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte. Südafrika stand am Rand eines Bürgerkriegs. Doch anstatt die Spannungen anzuheizen, nutzte er seinen beispiellosen moralischen Einfluss, um für Frieden zu werben.
Die Verhandlungen mit Präsident F.W. de Klerk führten 1994 zu den ersten demokratischen Wahlen Südafrikas. Mandela wurde zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Sein symbolträchtigster Moment kam vielleicht beim Rugby-Weltcup 1995, als er im Trikot der Springboks – einst Symbol der weißen Vorherrschaft – erschien, um die südafrikanische Mannschaft anzufeuern.
„Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern“, sagte Mandela später. „Er hat die Kraft zu inspirieren, die Kraft zu vereinen, wie es wenig anderes kann.“
Das bleibende Vermächtnis: „Es scheint immer unmöglich, bis es vollbracht ist“
Nach einer Amtszeit trat Mandela 1999 als Präsident zurück – eine Seltenheit auf dem afrikanischen Kontinent. Er widmete seine verbleibenden Jahre der Wohltätigkeit, dem Kampf gegen HIV/AIDS und der Konfliktlösung weltweit.
Als Mandela am 5. Dezember 2013 im Alter von 95 Jahren starb, trauerte die Welt um einen Mann, dessen Leben das scheinbar Unmögliche bewiesen hatte: dass Hass durch Liebe überwunden werden kann, dass Versöhnung stärker ist als Vergeltung und dass ein einzelner Mensch tatsächlich die Welt verändern kann.
Vielleicht fasste er sein eigenes Vermächtnis am besten zusammen: „Was zählt, ist nicht die Tatsache, dass wir gefallen sind, sondern wie wir uns wieder aufgerichtet haben.“
Steckbrief: Nelson Rolihlahla Mandela
- Geboren: 18. Juli 1918 in Mvezo, Südafrika
- Gestorben: 5. Dezember 2013 in Johannesburg (95 Jahre)
- Spitzname: Madiba (sein Clan-Name)
- Ausbildung: Jurastudium an der University of Witwatersrand
- Politische Laufbahn: ANC-Aktivist (ab 1944), Mitbegründer des militärischen ANC-Flügels (1961), Präsident Südafrikas (1994-1999)
- Haftzeit: 27 Jahre (1963-1990), hauptsächlich auf Robben Island
- Familie: Dreimal verheiratet, sechs Kinder
- Auszeichnungen: Friedensnobelpreis (1993), Presidential Medal of Freedom, Lenin-Friedenspreis und über 250 weitere Ehrungen
- Berühmte Zitate: „Es scheint immer unmöglich, bis es vollbracht ist.“
- Vermächtnis: Gründung der Nelson-Mandela-Stiftung, The Elders (Gruppe internationaler Friedensstifter), 46664-Kampagne gegen HIV/AIDS
Buchempfehlung
- Der lange Weg zur Freiheit: Autobiographie
- Meine Waffe ist das Wort
Quellen:
- Nelson Mandela Stiftung – Offizielle Biografie und Archivmaterial
- Nelson Mandela: „Der lange Weg zur Freiheit“ (Autobiografie)
- Anthony Sampson: „Mandela: Die autorisierte Biografie“
- Archivmaterial der South African History Online (SAHO)
- Dokumentation des Nobel-Komitees zum Friedensnobelpreis 1993