Manche Geschichten sind so unglaublich, dass sie erfunden wirken – und doch sind sie wahr. Die Geschichte von Louis Zamperini ist eine davon. Ein Leben wie ein Hollywood-Drehbuch: Vom jugendlichen Kleinkriminellen zum olympischen Athleten, vom abgestürzten Bomberpiloten zum Schiffbrüchigen, der 47 Tage auf dem offenen Pazifik trieb, vom gequälten Kriegsgefangenen zum Mann, der seinen Peinigern vergab. Selbst für einen Abenteuerroman wäre diese Geschichte fast zu unglaublich – für Louis Zamperini war es sein Leben.
Vom Troublemaker zum Olympioniken
Louis Silvie Zamperini kam am 26. Januar 1917 in Olean, New York, als Sohn italienischer Einwanderer zur Welt. Als Kind war er alles andere als ein Vorzeigeschüler – eher ein notorischer Unruhestifter. Seine Familie zog nach Torrance, Kalifornien, wo der junge Louis durch Diebstähle, Prügeleien und Fluchtversuche vor der Polizei auffiel. „Ich war ein hoffnungsloser Fall“, erinnerte sich Zamperini später. „Ich musste jede gesperrte Tür öffnen, jedes Gesetz brechen, das ich kannte.“
Die Wende kam durch seinen älteren Bruder Pete, der Louis zum Laufen überredete. „Wenn du so viel Energie hast, um wegzulaufen, dann lauf Rennen“, sagte Pete zu ihm. Was als Mittel zur Disziplinierung begann, wurde schnell zur Leidenschaft. Louis entdeckte sein außergewöhnliches Talent und widmete sich mit eiserner Disziplin dem Training. Bald stellte er Schulrekorde auf und qualifizierte sich für die US-Olympischen Spiele 1936 in Berlin – mit gerade einmal 19 Jahren.
In Berlin beeindruckte er als jüngster amerikanischer Läufer im 5000-Meter-Lauf. Obwohl er keine Medaille gewann, machte seine spektakuläre Schlussrunde Schlagzeilen. So beeindruckend, dass selbst Adolf Hitler eine persönliche Audienz mit dem jungen Athleten verlangte und anerkennend sagte: „Ah, der Junge mit dem schnellen Finish.“ Zamperini bereitete sich auf die Olympischen Spiele 1940 vor, die jedoch wegen des Zweiten Weltkriegs abgesagt wurden.
Der Absturz ins Ungewisse
Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg meldete sich Zamperini zur Luftwaffe und wurde Bombenschütze auf einem B-24 Bomber im Pazifik. Am 27. Mai 1943 stürzte sein Flugzeug während einer Suchmission nach einem vermissten Flugzeug aufgrund mechanischer Probleme in den Pazifischen Ozean. Von den elf Besatzungsmitgliedern überlebten nur drei den Absturz: Zamperini, der Pilot Russell Allen Phillips und der Heckschütze Francis McNamara.
Was folgte, war eine der bemerkenswertesten Überlebensgeschichten des Krieges. Die drei Männer trieben auf zwei kleinen Rettungsflößen im offenen Pazifik. Mit minimalen Vorräten, ohne Trinkwasser und unter der unbarmherzigen Tropensonne begannen sie ihren Kampf ums Überleben. McNamara starb nach 33 Tagen. Zamperini und Phillips hielten durch – insgesamt 47 Tage lang.
Sie ernährten sich von Regenwasser, rohen Fischen und Seevögeln, die sie mit bloßen Händen fangen konnten. Sie wurden von Haien umkreist, von feindlichen Flugzeugen beschossen und litten unter extremem Hunger, Durst und Sonnenbrand. Als sie schließlich Land erreichten, hatten beide fast die Hälfte ihres Körpergewichts verloren. Zamperini wog nur noch 30 Kilogramm.
Vom Regen in die Traufe
Die Rettung entpuppte sich als Täuschung. Die Insel, an der sie anlandeten, war von japanischen Truppen besetzt. Zamperini und Phillips wurden sofort gefangen genommen und in verschiedene Kriegsgefangenenlager gebracht. Was folgte, waren zwei Jahre unvorstellbarer Qualen und Demütigungen.
Besonders in Erinnerung blieb Zamperini der sadistische Lagerkommandant Mutsuhiro Watanabe, von den Gefangenen „der Vogel“ genannt. Watanabe schien eine besondere Abneigung gegen den ehemaligen Olympioniken zu hegen und unterzog ihn systematischen Misshandlungen und Folter. „Der Vogel würde mich jeden Tag schlagen, manchmal mehrmals am Tag“, erinnerte sich Zamperini später. „Er schien eine besondere Freude daran zu haben, mich zu demütigen.“
Die Grausamkeit ging so weit, dass Watanabe Zamperini zwang, eine schwere Holzbalken über dem Kopf zu halten – mit der Drohung, ihn zu erschießen, sollte er ihn fallen lassen. Trotz seiner geschwächten Verfassung hielt Zamperini den Balken mehr als 37 Minuten lang – ein weiterer Beweis seiner unglaublichen körperlichen und geistigen Stärke.
Überleben und Heimkehr
Als der Krieg im August 1945 endete, wog Zamperini nur noch 30 Kilogramm. Er kehrte als gebrochener Mann nach Hause zurück, geplagt von Albträumen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Er suchte Trost im Alkohol, seine Ehe stand vor dem Aus. Immer wieder träumte er davon, Watanabe zu erwürgen.
Die Wende kam 1949 durch eine Begegnung mit dem Evangelisten Billy Graham. Zamperini erlebte eine spirituelle Erweckung, die sein Leben erneut grundlegend veränderte. Er gab den Alkohol auf, seine Ehe wurde gerettet, und er fand einen neuen Lebenszweck: Vergebung. „Hass ist ein Krebsgeschwür im Inneren, das den Hasser auffrisst“, sagte er später. „Es ist kein Problem für die Person, die gehasst wird.“
Der Weg zur Vergebung
1950 kehrte Zamperini nach Japan zurück – dieses Mal als christlicher Missionar. Im Sugamo-Gefängnis traf er auf viele seiner früheren Peiniger, die als Kriegsverbrecher inhaftiert waren. Er vergab ihnen persönlich und umarmte sie sogar. Watanabe, der am meisten gefürchtete Peiniger, war jedoch nicht unter ihnen – er war untergetaucht, um einer Anklage zu entgehen.
1998, im Alter von 81 Jahren, kehrte Zamperini ein weiteres Mal nach Japan zurück – diesmal als Fackelträger für die Olympischen Winterspiele in Nagano. Er lief durch die Stadt Naoetsu, wo eines seiner Gefangenenlager gestanden hatte. Er bat um ein Treffen mit Watanabe, doch dieser lehnte ab.
Stattdessen schrieb Zamperini einen Brief, in dem er seinem ehemaligen Peiniger vergab. „Als Christ habe ich vergeben, aber ich sage dir, es war nicht leicht“, gestand er später. Die Vergebung, die er anbot, war nicht nur für Watanabe gedacht – sie war Zamperinis eigener Weg zur inneren Heilung.
Ein Leben als Inspiration
In den Jahrzehnten nach dem Krieg widmete sich Zamperini der Jugendarbeit. Er gründete das Victory Boys Camp, ein Programm für gefährdete Jugendliche, und teilte seine Geschichte als Motivationsredner in der ganzen Welt. Seine Botschaft war einfach, aber kraftvoll: „Wenn du vergeben kannst, heilst du.“
2010 wurde seine Geschichte in dem Buch „Unbroken“ (dt. „Unbeugsam“) der Autorin Laura Hillenbrand festgehalten, das zum Bestseller wurde und später von Angelina Jolie verfilmt wurde. Zamperini erlebte noch die Fertigstellung des Films, starb jedoch am 2. Juli 2014 im Alter von 97 Jahren an einer Lungenentzündung – kurz vor der Premiere.
Louis Zamperini hinterließ ein Vermächtnis der Widerstandsfähigkeit, des Mutes und der Vergebung. Seine Geschichte erinnert uns daran, dass der menschliche Geist selbst unter den grausamsten Umständen nicht gebrochen werden kann. Wie er selbst oft sagte: „Aufgeben kann man immer noch – warum also nicht durchhalten?“
Louis Zamperini: Steckbrief
- Geboren: 26. Januar 1917 in Olean, New York
- Gestorben: 2. Juli 2014 in Los Angeles, Kalifornien (97 Jahre)
- Sportliche Erfolge: Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, US-Rekordhalter im 1-Meilen-Lauf für Studenten (4:08.3 Minuten)
- Militärdienst: United States Army Air Forces, Bombenschütze auf einem B-24 Liberator
- Überlebensgeschichte: 47 Tage auf einem Rettungsfloß im Pazifik nach Flugzeugabsturz
- Kriegsgefangenschaft: Über zwei Jahre in japanischen Gefangenenlagern (1943-1945)
- Auszeichnungen: Purple Heart, Distinguished Flying Cross, Prisoner of War Medal
- Späteres Leben: Christlicher Motivationsredner, Gründer des Victory Boys Camp
- Familie: Verheiratet mit Cynthia Applewhite (1946 bis zu ihrem Tod 2001), zwei Kinder: Cissy und Luke
- Bemerkenswert: Trug die olympische Fackel bei den Olympischen Winterspielen 1998 in Nagano, Japan
Bücher und Filme über Louis Zamperini
- Unbeugsam: Eine wahre Geschichte von Widerstandskraft und Überlebenskampf (2010) von Laura Hillenbrand – Die umfassende Biografie, die zum internationalen Bestseller wurde
- Devil at My Heels (2003) von Louis Zamperini und David Rensin – Zamperinis Autobiografie mit persönlichen Einblicken
- Don’t Give Up, Don’t Give In: Lessons from an Extraordinary Life (2014) von Louis Zamperini und David Rensin – Zamperinis Lebensweisheiten, veröffentlicht kurz nach seinem Tod
- Unbroken (2014) – Der von Angelina Jolie inszenierte Spielfilm basierend auf Hillenbrands Buch
- Unbroken: Path to Redemption (2018) – Fortsetzung des Films, die sich auf Zamperinis Nachkriegsjahre und spirituelle Wandlung konzentriert
- Captured by Grace (DVD) – Dokumentarfilm über Zamperinis spirituelle Reise, produziert von Billy Graham Evangelistic Association
- Louis Zamperini: Redemption – Dokumentarfilm über sein Leben, der zahlreiche Interviews mit Zamperini enthält
Quellen
- Hillenbrand, L. (2010). Unbeugsam: Eine wahre Geschichte von Widerstandskraft und Überlebenskampf. Klett-Cotta.
- Zamperini, L. & Rensin, D. (2003). Devil at My Heels. William Morrow.
- Zamperini, L. & Rensin, D. (2014). Don’t Give Up, Don’t Give In: Lessons from an Extraordinary Life. Dey Street Books.
- The Louis Zamperini Foundation. https://louiszamperini.org/
- USC Athletics Hall of Fame. Louis Zamperini Profil.
- Associated Press (2014). Louis Zamperini, Olympic runner and WWII hero, dies at 97.
- The New York Times (2014). Louis Zamperini, Olympian and ‚Unbroken‘ War Survivor, Dies at 97.
- Billy Graham Evangelistic Association. The Louis Zamperini Story.
- National Archives and Records Administration. U.S. Military Records.