Im Dämmerlicht der amerikanischen Wälder, auf geheimen Pfaden zwischen Sümpfen und Dickicht, bewegte sich in den 1850er Jahren eine kleine Gestalt. Leise aber entschlossen führte sie verängstigte Menschen durch die Nacht – weg von Peitsche und Ketten, hin zur Freiheit. Diese unscheinbare Frau, kaum 1,50 Meter groß, trug eine Pistole bei sich und schwor: „Lebend oder tot, aber niemals zurück in die Sklaverei.“ Ihr Name: Harriet Tubman – eine der mutigsten Heldinnen der amerikanischen Geschichte.
Geboren als Sklavin, stieg sie zur Symbolfigur des Widerstands auf und rettete unzählige Leben. Doch wer war diese außergewöhnliche Frau wirklich, die der Sklaverei entkam, nur um später ihr Leben immer wieder aufs Spiel zu setzen, um andere zu retten?
Von Araminta zur Harriet: Eine Kindheit in Ketten
Um 1822 wurde sie als Araminta „Minty“ Ross in Dorchester County, Maryland, auf einer Plantage geboren. Als eines von neun Kindern versklavter Eltern erlebte sie früh die Grausamkeit des Systems. Bereits als Kind wurde sie von ihren „Besitzern“ verliehen, um als Kindermädchen zu arbeiten – oft misshandelt, wenn die Babys weinten.
Ein besonders brutaler Vorfall prägte ihr Leben für immer: Als Teenager stellte sie sich schützend vor einen fliehenden Sklaven. Der wütende Aufseher warf ein schweres Metallgewicht nach dem Flüchtenden, traf aber Harriet am Kopf. Die schwere Schädelverletzung verursachte lebenslange Anfälle, Kopfschmerzen und „Visionen“, die sie später als göttliche Botschaften deutete.
Nach ihrer Heirat mit dem freien Schwarzen John Tubman nahm sie den Namen Harriet an – ein erster symbolischer Akt der Selbstbestimmung in einem Leben, das von Fremdbestimmung geprägt war.
„Entweder Freiheit oder Tod“ – Der Weg in den Norden
1849 änderte sich alles. Als Gerüchte umgingen, sie könnte verkauft werden – weg von ihrem Ehemann und ihrer Familie – traf Harriet eine Entscheidung: Sie würde fliehen. Mit nichts außer Entschlossenheit und dem Polarstern als Führer machte sie sich auf den gefährlichen Weg in den Norden.
„Als ich die Grenze überquerte, schaute ich auf meine Hände, um zu sehen, ob ich dieselbe Person war“, erinnerte sie sich später. „Die Sonne schien wie Gold, die Felder waren grün, und ich hatte ein Gefühl, als sei ich im Himmel.“
Doch ihr eigenes Glück war nicht genug. Im Norden angekommen, hätte Harriet ein sicheres Leben führen können. Stattdessen traf sie eine Entscheidung, die nur als heroisch bezeichnet werden kann: Sie würde zurückkehren, um andere zu retten.
Die „Untergrundeisenbahn“ und ihre furchtloseste Führerin
In den nächsten zehn Jahren unternahm Harriet Tubman etwa 13 geheime Missionen in den Süden und führte mehr als 70 Menschen persönlich in die Freiheit. Durch ihre Anleitung konnten insgesamt etwa 300 Sklaven entkommen. Das Netzwerk von Helfern und sicheren Häusern wurde als „Underground Railroad“ (Untergrundeisenbahn) bekannt – und Harriet als ihr mutigster „Conductor“ (Schaffner).
Auf diesen lebensgefährlichen Reisen zeigte sich ihre außergewöhnliche Intelligenz und Entschlossenheit. Sie reiste hauptsächlich nachts, nutzte verschlüsselte Lieder als Signale und war eine Meisterin der Tarnung. Sie konnte auch rigoros sein: Flüchtlinge, die aus Angst umkehren wollten, wurden von ihr mit vorgehaltener Waffe weitergetrieben – denn eine Umkehr hätte alle gefährdet.
„Ich befreite tausend Sklaven“, sagte sie später, „und hätte tausend mehr befreien können, wenn sie nur gewusst hätten, dass sie Sklaven waren.“ Für Sklavenhalter wurde sie zum Albtraum – auf ihren Kopf wurden 40.000 Dollar Belohnung ausgesetzt, eine astronomische Summe für die damalige Zeit.
Bemerkenswert: Trotz aller Gefahren und Hindernisse verlor sie nie einen einzigen „Passagier“ auf dem Weg in die Freiheit – eine beeindruckende Erfolgsquote, die ihr den Ehrennamen „Moses“ einbrachte, nach dem biblischen Propheten, der sein Volk aus der Sklaverei führte.
Steckbrief: Harriet Tubman
- Geboren: Um 1822 in Dorchester County, Maryland (genaues Datum unbekannt)
- Gestorben: 10. März 1913 in Auburn, New York
- Geburtsname: Araminta „Minty“ Ross
- Bekannt als: „Moses“, „General Tubman“
- Besondere Leistungen: Rettung von über 70 Sklaven in 13 Missionen, Spionin für die Unionsarmee, Krankenschwester, Frauenrechtlerin
- Kopfgeld: 40.000 Dollar (damals eine enorme Summe)
- Erkennungszeichen: Narbe an der Stirn von einer Kopfverletzung, die ihr als Teenager zugefügt wurde
- Bekannte Zitate: „Ich hatte das Recht, entweder Freiheit oder Tod zu wählen; wenn ich nicht haben konnte, das eine, würde ich das andere nehmen.“
Von der Sklavin zur Spionin und Soldatin
Als der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach, stellte Harriet Tubman ihre Fähigkeiten in den Dienst der Unionsarmee. Zunächst arbeitete sie als Krankenschwester und nutzte ihr Wissen über Heilkräuter, um verwundete Soldaten und von Krankheiten Betroffene zu versorgen.
Bald wurde sie jedoch zur Spionin und Kundschafterin ernannt. Ihre Kenntnisse der Landschaft und ihre Fähigkeit, unbemerkt zu reisen, machten sie unbezahlbar. Im Juni 1863 führte sie sogar einen Militäreinsatz am Combahee River in South Carolina an – die erste amerikanische Militäraktion, die von einer Frau geleitet wurde. Bei diesem Raid wurden über 700 Sklaven befreit und wertvolle Plantagen zerstört.
Trotz dieser heroischen Dienste kämpfte Tubman jahrzehntelang um die Anerkennung ihrer Leistungen und eine angemessene Pension von der Regierung. Erst 1899, 34 Jahre nach Kriegsende, erhielt sie schließlich eine monatliche Pension von 20 Dollar – nicht für ihre eigenen Dienste, sondern als Witwe eines Unionssoldaten.
Ein Leben im Dienst der Freiheit und Gleichberechtigung
Nach dem Krieg setzte Harriet Tubman ihren Kampf für Gerechtigkeit fort. Sie engagierte sich in der Frauenrechtsbewegung und arbeitete mit Persönlichkeiten wie Susan B. Anthony zusammen. In ihrem Haus in Auburn, New York, das sie mit Hilfe von William H. Seward erworben hatte, bot sie Bedürftigen Unterschlupf.
1896, mit über 70 Jahren, gründete sie das „Harriet Tubman Home for Aged and Indigent Colored People“ – ein Altersheim für mittellose ehemalige Sklaven. Bis ins hohe Alter blieb sie aktiv und setzte sich für die Rechte der Schwarzen und der Frauen ein.
Als sie 1913 im Alter von etwa 91 Jahren starb, waren ihre letzten Worte: „Ich gehe zu meinem Vater und meiner Mutter, und ich gehe mit dem Licht Gottes.“ Sie wurde mit militärischen Ehren beigesetzt – eine letzte Anerkennung für eine Frau, die wie keine andere für die Freiheit gekämpft hatte.
Der Harriet Tubman 20-Dollar-Schein: Ein Vermächtnis, das die Zeiten überdauert
Harriet Tubmans Erbe lebt bis heute fort. 2016 kündigte das US-Finanzministerium an, dass ihr Bild den 20-Dollar-Schein zieren soll – eine längst überfällige Ehrung für eine der größten amerikanischen Heldinnen.
Ihre Geschichte ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was ein einzelner Mensch bewirken kann, selbst gegen überwältigende Widerstände. In einer Zeit, als Schwarze und Frauen als minderwertig galten, erhob sie sich nicht nur selbst aus der Sklaverei, sondern führte Hunderte andere in die Freiheit.
Vielleicht liegt das Geheimnis ihres Mutes in ihren eigenen Worten: „Wenn du müde bist, ruh dich aus; wenn du Angst hast, kämpfe weiter!“ Es ist eine Botschaft, die auch heute noch inspiriert – ein Aufruf zum Handeln für alle, die für Freiheit und Gerechtigkeit eintreten.
Bücher über Harriet Tubman
- „Harriet Tubman: The Road to Freedom“ von Catherine Clinton – Eine umfassende Biografie
- „Bound for the Promised Land: Harriet Tubman, Portrait of an American Hero“ von Kate Clifford Larson
- „Moses: When Harriet Tubman Led Her People to Freedom“ von Carole Boston Weatherford – Ein preisgekröntes Kinderbuch
- „Harriet Tubman: Conductor on the Underground Railroad“ von Ann Petry – Ideal für junge Leser
Quellen
- Harriet Tubman Historical Society – Archivmaterial und Biografien
- Library of Congress – Historische Dokumente und Berichte
- National Museum of African American History and Culture – Ausstellungsmaterialien
- National Women’s History Museum – Biografische Informationen
- Harriet Tubman Underground Railroad National Historical Park – Historische Aufzeichnungen
- Akademische Biografien und Geschichtsbücher zur Sklaverei und zum amerikanischen Bürgerkrieg