Freitag, April 4, 2025

Der Mann, der dem Universum Zeit stahl: Stephen Hawking

Wie Stephen Hawking trotz lähmender Krankheit die Geheimnisse der Schwarzen Löcher entschlüsselte und zur Ikone der Wissenschaft wurde.

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Am 14. März 2018 verstummte eine der bedeutendsten Stimmen der Wissenschaft – dabei hatte diese Stimme seit Jahrzehnten nur noch durch einen Computer gesprochen. Stephen Hawking, der Mann, dessen Geist das Universum erforschte, während sein Körper an einen Rollstuhl gefesselt war, hatte seine letzte Reise angetreten. Doch seine Geschichte ist weit mehr als die eines brillanten Wissenschaftlers – sie ist das Zeugnis eines unbeugsamen Willens, der sich weigerte, vor dem Urteil des Schicksals zu kapitulieren.

Der junge Stern am Wissenschaftshimmel

Als Stephen William Hawking am 8. Januar 1942 in Oxford das Licht der Welt erblickte, deutete nichts darauf hin, dass er einmal zu den größten Denkern unserer Zeit gehören würde. Geboren exakt 300 Jahre nach dem Tod Galileo Galileis, schien das Universum bereits auf ihn zu warten. Seine Kindheit verlief unspektakulär, wenn auch von einer besonderen Neugier geprägt. In der Schule war er weder Klassenbester noch besonders fleißig – seine Lehrer erkannten jedoch früh sein außergewöhnliches Talent für Mathematik und Physik.

Mit 17 Jahren begann Hawking sein Studium in Oxford, wo er Physik studierte und sich bald einen Ruf als brillanter, wenn auch etwas exzentrischer Student erarbeitete. Nach seinem erstklassigen Abschluss wechselte er nach Cambridge, um dort an seiner Promotion in Kosmologie zu arbeiten. Die Welt stand ihm offen – doch genau in dieser Zeit sollte sich sein Leben für immer verändern.

Das Todesurteil, das keines war

Es begann mit kleinen Anzeichen – gelegentliches Stolpern, Schwierigkeiten beim Rudern, eine zunehmende Ungeschicklichkeit. Mit nur 21 Jahren erhielt Hawking die vernichtende Diagnose: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. Die Ärzte gaben ihm zwei Jahre zu leben.

Für viele wäre ein solches Urteil gleichbedeutend mit dem Ende aller Hoffnungen und Träume gewesen. Nicht so für Hawking. Obwohl er zunächst in eine tiefe Depression verfiel, fand er einen neuen Sinn in seinem Leben – nicht zuletzt durch die Liebe zu Jane Wilde, die er wenig später heiratete. „Es hat keinen Sinn, sich über Dinge zu ärgern, die man nicht ändern kann“, sagte er später. „Ich beschloss, jeden Tag zu genießen, als wäre es mein letzter.“

Entgegen aller medizinischen Prognosen lebte Hawking nicht zwei, sondern 55 weitere Jahre. Seine körperlichen Fähigkeiten schwanden rapide, doch sein Geist blieb ungebrochen – und entwickelte sich zu einem der schärfsten unserer Zeit.

Das Universum im Rollstuhl

Während sein Körper immer mehr Funktionen einbüßte, widmete sich Hawking mit unbändiger Energie den größten Rätseln des Kosmos. Seine bahnbrechenden Arbeiten zu Schwarzen Löchern revolutionierten unser Verständnis dieser mysteriösen kosmischen Objekte. 1974 stellte er die Theorie auf, dass Schwarze Löcher entgegen der damaligen Überzeugung doch Strahlung abgeben können – die sogenannte „Hawking-Strahlung“, eine seiner wichtigsten Entdeckungen.

Ab 1985 konnte Hawking nicht mehr sprechen. Ein schwerer Luftröhrenschnitt nach einer Lungenentzündung hatte ihm die Stimme geraubt. Fortan kommunizierte er über einen Sprachcomputer, den er anfangs noch mit einem Schalter in der Hand bedienen konnte. Als auch diese Fähigkeit verloren ging, steuerte er den Computer nur noch durch Bewegungen seiner Wangenmuskeln – die einzigen Muskeln, die er noch kontrollieren konnte.

Die metallische Computerstimme mit amerikanischem Akzent wurde zu seinem Markenzeichen. Sie sprach von Urknall und Schwarzen Löchern, von der „Theorie von Allem“, die Einstein so lange gesucht hatte und der auch Hawking sein Leben widmete – der Vereinigung von Einsteins Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik.

Der Popstar der Wissenschaft

Was Hawking von vielen anderen brillanten Wissenschaftlern unterschied: Er wollte sein Wissen nicht nur mit Fachkollegen teilen, sondern mit der ganzen Welt. Sein 1988 erschienenes Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ wurde mit über 10 Millionen verkauften Exemplaren zu einem der erfolgreichsten populärwissenschaftlichen Werke aller Zeiten – auch wenn es als eines der am häufigsten gekauften, aber am seltensten zu Ende gelesenen Bücher gilt.

Hawking wurde zur globalen Ikone. Er trat in „Die Simpsons“ und „The Big Bang Theory“ auf, ließ sich in der Schwerelosigkeit fotografieren und warnte eindringlich vor den Gefahren künstlicher Intelligenz und der Selbstzerstörung der Menschheit. Seine unverkennbare Gestalt im Rollstuhl und seine synthetische Stimme machten ihn zum wohl bekanntesten Wissenschaftler seiner Generation.

Das Vermächtnis eines unbeugsamen Geistes

Als Stephen Hawking am 14. März 2018 – bezeichnenderweise am Pi-Tag und an Einsteins Geburtstag – im Alter von 76 Jahren starb, hinterließ er der Welt nicht nur revolutionäre wissenschaftliche Erkenntnisse. Er hinterließ eine Botschaft der Hoffnung und des unbeugsamen Lebenswillens.

„Erinnert euch, nach oben zu den Sternen zu schauen und nicht hinunter auf eure Füße“, sagte er einmal. „Versucht, einen Sinn in dem zu finden, was ihr seht, und fragt euch, was das Universum existieren lässt. Seid neugierig. Und wie schwierig das Leben auch erscheinen mag, es gibt immer etwas, das ihr tun und worin ihr erfolgreich sein könnt. Es kommt nur darauf an, nicht aufzugeben.“

Hawkings Leben war der lebende Beweis für diese Philosophie. Während sein Körper von einer grausamen Krankheit gefesselt wurde, reiste sein Geist frei durch die entferntesten Winkel des Universums. Er zeigte der Welt, dass keine körperliche Einschränkung den menschlichen Geist besiegen kann, wenn er sich weigert, aufzugeben.

Stephen Hawking: Steckbrief

  • Geboren: 8. Januar 1942 in Oxford, England
  • Gestorben: 14. März 2018 in Cambridge, England (76 Jahre)
  • Diagnose ALS: 1963 im Alter von 21 Jahren
  • Ausbildung: University of Oxford (Bachelor), University of Cambridge (PhD)
  • Beruf: Theoretischer Physiker, Kosmologe, Autor
  • Bedeutende Positionen: Lucasischer Professor für Mathematik an der Universität Cambridge (1979-2009) – derselbe Lehrstuhl, den einst Isaac Newton innehatte
  • Wichtigste wissenschaftliche Beiträge: Hawking-Strahlung, Singularitätentheorem, No-Hair-Theorem für Schwarze Löcher
  • Auszeichnungen: Albert-Einstein-Medaille, Copley-Medaille, Presidential Medal of Freedom, Companion of Honour
  • Kinder: Robert, Lucy und Timothy Hawking
  • Bemerkenswert: Lebte 55 Jahre mit ALS, obwohl ihm nur 2 Jahre Lebenserwartung prognostiziert wurden

Bücher von und über Stephen Hawking

  • Eine kurze Geschichte der Zeit (1988) – Hawkings bekanntestes Werk, das die komplexesten Fragen der Kosmologie für Laien zugänglich macht
  • Das Universum in der Nussschale (2001) – Die illustrierte Fortsetzung seines Bestsellers
  • Die kürzeste Geschichte der Zeit (2005, mit Leonard Mlodinow) – Eine überarbeitete und erweiterte Version der „Kurzen Geschichte“
  • Der große Entwurf (2010, mit Leonard Mlodinow) – Hawkings Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ des Universums
  • Meine kurze Geschichte (2013) – Hawkings Autobiografie
  • Kurze Antworten auf große Fragen (2018, posthum) – Hawkings letzte Gedanken zu den großen Fragen der Menschheit
  • Die Theorie von Allem (2014) – Das Buch zur oscarprämierten Verfilmung seines Lebens
  • Stephen Hawking: Ein Leben für die Wissenschaft (2013) von Kitty Ferguson – Eine umfassende Biografie

Quellen

  • Hawking, S. (2013). Meine kurze Geschichte. Rowohlt Verlag.
  • Ferguson, K. (2013). Stephen Hawking: Ein Leben für die Wissenschaft. Rowohlt Verlag.
  • Hawking, S. (1988). Eine kurze Geschichte der Zeit. Rowohlt Verlag.
  • Hawking, S. (2018). Kurze Antworten auf große Fragen. Klett-Cotta.
  • The Stephen Hawking Estate. Offizielle Website. https://www.hawking.org.uk/
  • University of Cambridge (2018). Nachruf auf Professor Stephen Hawking.
  • BBC News (2018). Stephen Hawking: Visionary physicist dies aged 76.
  • Scientific American (2018). Stephen Hawking’s Legacy.
Tobias
Tobias
Tobias ist ein Freiberufler mit unstillbarer Neugier. Er liebt es, inspirierende Geschichten über außergewöhnliche Menschen zu entdecken. Seine Mission: Mut, Hoffnung und Veränderung durch fesselnde Erzählungen zu vermitteln.

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